Das Wasser bis zum Hals – die Klimakrise im Wattenmeer

Die Auswirkungen der Klimakrise treffen alle Lebensräume weltweit- so auch das Wattenmeer.

Man könnte meinen, dass dieser vergleichsweise junge Lebensraum sich schnell zu ändern und anzupassen vermag. Doch setzen der beschleunigte Meeresspiegelanstieg und die Temperaturerhöhung auch dem UNESCO-Weltnaturerbe Wattenmeer sichtbar zu und gefährden dessen einzigartiges Erscheinungsbild.

 

Das Wattenmeer entstand durch eine Erhöhung des Meeresspiegels der Nordsee vor 9000-7000 Jahren. Nach mehreren Kaltzeiten begann dieser zeitweise um ca. 1 m pro Jahr zu steigen. Gleichzeitig senkte sich die Küste ab. Die dann folgende Reduzierung des Meeresspiegelanstieges auf ca. 2 mm pro Jahr führte zur Entstehung einer tidegeprägten Küstenlandschaft. Außendeichs, wo diese Prozesse auch heute noch stattfinden, werden Watt- und Salzwiesenbereiche mit Sedimenten aus der Nordsee gespeist und „wuchsen“ so mit dem ansteigenden Meeresspiegel mit.

 

In der globalen Klimakrise wird durch Treibhauseffekte die Atmosphäre aufgeheizt. In der Folge schmelzen Polkappen und Gletscher, wodurch der Meeresspiegel schneller steigt, ein Effekt, der sich durch die Ausdehnung des sich erwärmenden Wassers verschärft. Diese exponentiellen Anstiege bemerken wir zu ihrem Beginn nur wenig. Aktuelle Prognosen gehen jedoch von einer Erhöhung des jährlichen Meeresspiegelanstiegs der Nordsee auf 5-16 mm pro Jahr bis 2100 aus. Dadurch läge der Meeresspiegel der südlichen Nordsee im Jahr 2100 um 0,6 bis 1,1 Meter über dem aktuellen Niveau.

 

Die entscheidende Frage: wächst das Wattenmeer ausreichend schnell mit? Bei einem Anstieg von 3-6 mm pro Jahr wäre dies noch gewährleistet. Alles darüber führt zu einem langfristigem „Ertrinken“ der Lebensräume. Somit würden Wattflächen und Salzwiesen dauerhaft überflutet und ihre einzigartige Tier- und Pflanzenwelt ginge verloren.

 

Wo sich die Folgen des Meeresspiegelanstieges erst in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts deutlich verstärken, treten bereits jetzt andere klimawandelbedingte Störungen auf. Vor allem steigende Wassertemperaturen verändern die Lebensbedingungen vieler Arten. So verschieben sich auch ihre natürlichen Verbreitungsgrenzen – Kabeljaue wandern beispielsweise nach Norden ab. Andere Arten wie die Steppenmöwe wandern von Süden her ein. Ein einfacher Wandel? Eher nicht, denn Arten, die keine geeigneten Lebensräume mehr finden können, sterben aus.

 

Auch die Häufigkeit verschiedener Arten wird durch den Klimawandel geändert. In Folge wärmerer Winter können unter anderem Garnelen und Strandkrabben in erhöhten Mengen vorkommen. Durch das so gesteigerte Aufkommen ihrer Jungtiere erhöht sich der Fraßdruck auf frühe Jungstadien von Herz- und Miesmuscheln. Durch deren Rückgang verhungern wiederum mehr Individuen verschiedener muschelfressender Vogelarten, wie Austernfischer und Eiderente.

 

Doch nicht nur Effekte in unseren Breitengraden beeinflussen die klimawandeldingten Veränderungen im Wattenmeer. Durch die im Jahresverlauf nun früher beginnende Schneeschmelze in Brutgebieten wie Sibirien müssen Zugvogelarten wie die Pfuhlschnepfe dort früher als bisher ankommen, um ideale Nahrungsbedingungen vorzufinden. Dadurch verkürzen sie ihre Aufenthaltsdauer im Wattenmeer und müssen so in weniger Zeit mehr Nahrung aufnehmen als bisher. In Folge dieser Entwicklung müssen bei uns Störungen dieser Tiere zur Rastzeit weiter reduziert werden, um ihren Schutz und ihr Überleben zu gewährleisten.

 

Durch den Klimawandel ist europaweit mit einem Anstieg und einer räumlichen Verlagerung der Niederschlagsmengen und einer Häufung von Stürmen und Sturmfluten zu rechnen. Hierdurch sind Änderungen der Sedimentumlagerung zwischen offener Nordsee und küstennahem Wattenmeer zu erwarten, wie auch ein verstärkter Erosionsdruck auf Dünen und Strände. Diese Extremwetterphänomene werden weitereichende, jedoch nur schwer abschätzbare Folgen für die Lebensgemeinschaften haben.

 

Was können wir tun? Das Wattenmeer bietet mit seinen Lebensräumen auch eine große Chance für ein Abpuffern der Folgen der Klimakatastrophe. Hierzu muss das gesamte Ökosystem die Möglichkeit haben, auf natürliche Weise auf die Veränderungen zu reagieren. Dies bedeutet, dass wir die menschlichen Einflüsse auf das Ökosystem weiter reduzieren müssen, vor allem die Einschränkungen der natürlichen Dynamik.

 

Darüber hinaus sind Seegras- und Salzwiesen massive Kohlenstoffsenken, die auf gleicher Fläche langfristig bis zu zehnmal mehr Kohlenstoff speichern als Wälder. Durch fortwährende Sedimentation werden die unteren Pflanzenteile eingegraben, wodurch der darin enthaltene Kohlenstoff unter Luftabschluss langfristig festgesetzt wird. Wenn wir durch nachhaltigeres und klimabewusstes Handeln die Erderwärmung abbremsen, könnten diese Lebensräume als langfristiger Kohlenstoffspeicher dienen.

 

Mit der Anerkennung des Wattenmeeres als Welterbe der Menschheit wurde Deutschland vor der Weltgemeinschaft zum Erhalt dieses außergewöhnlichen Lebensraums verpflichtet. Dieser Verantwortung müssen wir gerecht werden, damit das Wattenmeer mit den uns nachfolgenden Generationen alt werden kann.



Durch die globale Erwärmung fassen vom Menschen eingeschleppte Arten wie die Pazifische Auster in unseren Breiten leichter Fuß. Die Gefahr der Etablierung weiterer invasiver Arten, die Lebensräume überprägen können, steigt mit der Temperatur (Foto: Gerald Miller/NLPV.)